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October 13 2010

Das Liberale Forum – ein Missverständnis?

Linker als Links oder doch rechter als Rechts – eine Identitätssuche. Von Bernhard S.

Als liberal denkender Mensch hat man es zurzeit nicht leicht in Österreich. Viele meiner Freunde und Bekannte lächeln, staunen oder sind verwundert, wenn ich ihnen erzähle, dass ich beim LIF engagiert bin. Und das aus unterschiedlichen Gründen. Für die einen ist das LIF zu links, für die anderen ist das LIF, oder die Geisteshaltung, die dahinter stecken soll, verantwortlich für die derzeitige Wirtschaftskrise, weil wir ja ein neoliberales Wirtschaftssystem vertreten würden. Die Restlichen können sich nicht erklären, warum man sich für eine Partei, die weder bekannt ist, noch realistische Chancen auf den Einzug in irgendein gestaltendes Gremium hat, ernsthaft interessieren oder gar einsetzen soll.

Was all diese lächelnden, staunenden oder verwunderten Freunde und Bekannte verbindet ist, dass keiner wirklich weiß, wofür wir stehen, was wir fordern oder welche Antworten wir auf aktuelle oder brennende soziale, wirtschaftliche oder politische Fragestellungen geben wollen.

Bisher hatte ich als gelernter Liberale ja vorausgesetzt, dass es eh klar ist, unser liberales Weltbild. Dass jeder weiß, wofür wir stehen und warum man die Liberalen wählen sollte. Für mich war es selbstverständlich, dass wir als vernunftorientierte, weltoffene, verantwortungsbewusste und bevormundungsnegierende Bewegung wahrgenommen werden oder werden sollten. Aber weit gefehlt; „Wofür steht ihr? Was sind eure Forderungen? Was unterscheidet euch von den Grünen, der SPÖ, der ÖVP, der FPÖ (?!)“. Viele Fragen vieler Menschen, die gar nicht politikverdrossen, ungebildet oder desorientiert wirken.

Erst nach langem Ausräumen von Vorurteilen und Missverständnissen bezüglich liberaler Werthaltungen und Positionen einer schwierig zu fassenden „politischen Eierlegendenwollmilchsau“ schaffe ich es, Klärung oder Verständnis für meine politische Orientierung zu schaffen. Ich fühle mich oft aufgerieben im klassischen rechts-links – Denken der gelernten ÖsterreicherInnen, die einfache Positionen und Antworten wünschen und uns in keine politische Schublade einordnen können. „Seid ihr jetzt sozial oder wirtschaftsorientiert, sind euch die Rechte schwul-/lesbisch – lebender Menschen wichtiger als die der Heterosexuellen, warum vertretet ihr ständig nur Minderheitenanliegen, seid ihr die Partei der Reichen oder Superreichen, steht ihr für die Rechte der Wirtschaftstreibenden oder für die des „kleinen Mannes“?

Ein Dilemma?
Sozial, liberal und wirtschaftsfreundlich ist für mich kein Widerspruch. Für die meisten Menschen, die ein Ohr für hausverstandsorientierte, humanistisch geprägte, weltoffene, pragmatische, praktikable, umsetzungsorientierte, wirtschaftsnahe, kostensparende oder sozial verantwortliche Positionen haben auch nicht. Aber wie viele ähnlich denkende Menschen gibt es noch da draußen? Sind wir eine unwählbare Minderheit, knapp oder doch deutlich vorbei am politischen Mainstream? Sind unsere Antworten zu komplex und differenziert? Gibt es Platz für eine politische Alternative zwischen rechts/links, konservativ und marxistisch? Meine Antwort lautet: JA. Wir sind nötiger denn je. Die Menschen dürsten nach politischen Alternativen mit genügend Cleverness, Hausverstand und Einfühlungsvermögen.

Warum schaffen wir es dann nicht?
Tja, das ist die Frage der Fragen. Und jeder von uns hat unterschiedliche Antworten auf diese Frage. Für mich persönlich liegt es erstens daran, dass wir kaum wahrgenommen werden, dass wir zu wenig klare Antworten auf konkrete Fragestellungen liefern, unseren USP nach dem Heide Schmidt-Abgang nicht wieder gefunden haben, wir zu wenig bekannte Persönlichkeiten in unseren Reihen haben, zu wenig sichtbare Zeichen setzen, uns zu häufig im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlich oder doch sozial – diskutierend – bewegen, wir zu häufig mit der ohnehin vorausgesetzten liberalen Grundhaltung argumentieren, unsere rein nebenberuflich agierenden Spitzenkandidaten zu wenig Zeit für zeitintensive Politengagements haben und wir schlussendlich allesamt nicht genau wissen, was alles zur Liberalen Bewegung gehört und was nicht. Für viele sind wir zu spitz, für die anderen zu breit in unseren Positionen.

Was wünsche ich mir?
Klare Statements auf aktuelle und brennende Fragen. Regelmäßige, wahrnehmbare Statements zur politischen Realität. Konkrete Angebote für potenzielle Wähler, bekannte und anerkannte Persönlichkeiten und Experten aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft, eine tragfähige wirtschaftliche Basis, geschaffen durch geneigte Sponsoren und zahlende Mitglieder, einen einfach zu kommunizierenden USP, ein klares Profil mit Antworten zu linken und rechten Fragestellungen, eine Einladung an alle Menschen, die mit klerikal-bündeorientierten, marxistisch-supernational-bevormundenden, rechtsextrem-billigen-intelligenzbeleidigenden und sozialkritischen-aber-wirtschaftsfeindlichen Antworten nicht zufrieden sind oder zufrieden sein wollen. Wir sollten uns positionieren in der österreichischen Politiklandkarte und klarmachen, wie sich unsere Werte auf konkrete Fragestellungen anwenden lassen. Und wo und wann wir eher „links“ oder „rechts“ oder eben in der Mitte einzuordnen sind.

Wir Liberale sind wichtig und notwendig. Gerade und vor allem in Österreich. Und gerade jetzt. Wir müssen uns (nur) den Raum nehmen, der uns zusteht. Wir müssen(nur) überzeugen und argumentieren. Wir müssen (nur) Antworten bieten und bieten wollen.

Don't be the product, buy the product!

Schweinderl